Vergleichende Analyse erfolgskritischer Faktoren in der Aufklärung von Tötungsdelikten sowie bei Vermisstenfällen

Die Aufklärung von Mord- und Totschlagsdelikten ist von vielfältigen Faktoren abhängig. Einige Fälle – insbesondere im sozialen Umfeld – klären sich durch ein frühes Geständnis der Täterin oder des Täters, während bei anderen Beziehungsdelikten zumindest der Kreis der zu überprüfenden Personen eingeschränkt bleibt. Tötungsdelikte ohne Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer dagegen erfordern eine zum Teil sehr zeit- und personalintensive Ermittlungsarbeit. Darüber hinaus ist es unabhängig davon erforderlich, mit kriminalistischer Arbeit und im Rahmen der geltenden Gesetze Personal- und Sachbeweise zu erheben, um das erkennende Gericht von der Schuld oder Unschuld des Täters zu überzeugen.

Dafür werden in erheblichem Umfang personelle und technische Ressourcen benötigt, die oft über einen längeren Zeitraum in einer Mordkommission gebunden bleiben. Dieses betrifft insbesondere auch Tötungsdelikte, die im unmittelbaren Zusammenhang mit der Tat nicht geklärt werden können und wegen der Bedeutung der Delikte als Cold Cases zu einem späteren Zeitpunkt erneut überprüft werden müssen und damit erneute Personal- und Sachressourcen für eine mögliche spätere Tatklärung binden.

Es ist deshalb in den letzten Jahren zu einer ganzen Reihe von internationalen wissenschaftlichen Studien gekommen, die erfolgskritische Faktoren bei der Bearbeitung von Tötungsdelikten genauer untersuchen (vgl. Sturup et al 2015 für Schweden, Ganpat et al, 2011, für die Niederlande und Bänzinger et al 2014 für die Schweiz).


In diesem Zusammenhang ist interessant, den Ist-Stand der Bearbeitung von Tötungsdelikten anhand festgelegter Indikatoren zu erheben und festzustellen, ob bestimmte dieser Indikatoren die Klärung einer Tat signifikant begünstigen oder behindern.

Im Rahmen des an der Polizeiakademie durchgeführten Forschungsprojekts wurden mittlerweile 127 geklärte und ungeklärte Tötungsdelikte von 20 Staatsanwaltschaften der Jahre 2012 und 2013 ausgewertet und begleitende Master- und Bachelorarbeiten von Studierenden der Polizeiakademie Niedersachsen und der Deutschen Hochschule der Polizei zu den Themen Cold Cases und Vermisstenfälle in Auftrag gegeben.

Im September 2021 wurde eine dieser Arbeiten beim Europäischen Polizeikongress in Berlin mit dem ersten Preis des Zukunftspreises Polizeiarbeit als beste eingereichte Bachelorarbeit ausgezeichnet.

Weiterhin wurden im Rahmen von Wahlpflichtkursen (WPK) mit Studierenden zu Cold Cases an der Polizeiakademie Niedersachsen seit 2014 bislang insgesamt 33 nicht geklärte Tötungsdelikte und Vermisstenfälle mit dem vollen Aktenbestand analysiert. Dabei wurden auch Verfahren mit mehr als 2.000 Ermittlungsspuren und einen Aktenbestand von mehr als 50.000 Verfahrensseiten analysiert.

Bei der Aktenanalyse fiel auf, dass ein früher Vermisstenstatus des Opfers eines Tötungsdelikts einen Einfluss auf die spätere Fallaufklärung haben könnte.

Der Forschungsstand zeigt auf, dass zu erfolgskritischen Faktoren, die ein Erkennen eines möglichen Verbrechens als Grund des Vermisstseins begünstigen, bisher keine abgeschlossenen Forschungen vorliegen.

Insgesamt soll mit dem Forschungsprojekt die Erkenntnislage zu diesem Themenfeld verbessert und Handlungsempfehlungen für die polizeiliche Vermisstensachbearbeitung generiert werden.


Erste Ergebnisse wurden veröffentlicht:

Marquardt, Annette; Bettels, Karsten (2019): Bedeutung der frühen ersten Vernehmung für das Schwurgerichtsverfahren. Was wird sich ändern durch die Umsetzung der EU-Richtlinie? „Kriminalistik“ 6/19

Griesbach, Lena (2020): Der Begriff des Erfolgs in der Cold-Case-Bearbeitung -

eine multiperspektivische Betrachtung von Erfolgsfaktoren der polizeilichen Bearbeitung ungeklärter Tötungsdelikte (Bachelorarbeit Polizeiakademie Niedersachsen), Gewinnerin des Zukunftspreises Polizei beim Europäischen Polizeikongress in Berlin 2021

Weitere Veröffentlichungen folgen in 2022.

Mitarbeiter*innen:

Karsten Bettels

Kooperation:

Dr. Annette Marquardt, Staatsanwaltschaft Verden

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln