Neues aus Polizei- und Einsatztraining: 100 Expertinnen und Experten diskutieren an der Polizeiakademie Niedersachsen

Am Studienort Hann. Münden fand kürzlich die bundesweit erste Polizeitrainingskonferenz statt – Mix aus Theorie und Praxis verschaffte Einblicke in neue Methoden der Deeskalation sowie Personenkontrolle und neurozentrierte Trainingstechniken


Hann. Münden – Knapp 100 Polizeitrainerinnen und -trainer aus dem gesamten Bundesgebiet folgten der Einladung der Polizeiakademie Niedersachsen (PA NI) zur ersten bundesweiten Polizeitrainingskonferenz, die kürzlich am Studienort Hann. Münden stattfand. Um eine Plattform zum Austausch zu den besonderen Anforderungen an das Polizeitraining zu schaffen, wurde die Tagung in einem bundesweit einmaligen Format ins Leben gerufen.

Erkenntnisse aus Wissenschaft direkt praktisch angewendet

An den drei Veranstaltungstagen konnten die Teilnehmenden in einem informativen Mix aus theoretischen Impulsen und praktischen Trainings rund um das rechts- und handlungssichere Einschreiten von Polizeibeamtinnen und -beamten ihr eigenes Wissen erweitern, auf den neusten Stand bringen und selbst praktisch erfahren. Als Referierende konnten renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Expertinnen und Experten aus dem polizeipraktischen Training gewonnen werden.

Bereits in der Begrüßung hob die Abteilungsleiterin 1 der PA NI, Frau Prof. a. d. PA Heike Matthias-Ripke, den besonderen Wert und die Rolle des Polizei- und Einsatztrainings im Hinblick auf das sichere Einschreiten der Polizeibeamtinnen und -beamten aber auch die Prägung und Sozialisierung der Berufsanfängerinnen und -anfänger hervor. Es trägt maßgeblich dazu bei, dass die Polizistinnen und Polizisten tagtäglich wieder gesund zu ihrer Familie zurückkehren.

Modernes Training und Stress in Ausnahmesituationen

Aber welche Schwerpunktsetzung muss das moderne Polizei- und Einsatztraining haben, um den vielfältigen Erwartungen gerecht zu werden? Dieser Fragestellung widmete sich Prof. Dr. Clemens Lorei der Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit Hessen mit Fragestellungen zum Schusswaffeneinsatztraining und der Implementierung von Deeskalationstraining. Die Ergebnisse werden demnächst in der KODIAK – Studie veröffentlicht.

Welche Auswirkungen der Hochstress in Einsatzsituationen hat und wie Einsatzkräfte auf diese Ausnahmesituationen vorbereitet werden können, schilderte Dr. Robert Gorzka von der Bundeswehr. Dazu präsentierte er Studienergebnisse des Resilienzkonzepts für spezialisierte Kräfte und Spezialkräfte der Bundeswehr und Polizei. Die Ergebnisse sind hier abrufbar. Weiter wurde den Teilnehmenden die Möglichkeit gegeben, es mit einem VR-System praxisnah selbst zu erleben.

Virtuelle Realität als Teil des Studiums an der PA NI

Neben den Erfahrungen mit VR-Technik präsentierte die PA NI, vertretend für die Polizei Niedersachsen, neuartige digitale Trainingsansätze zur Begleitung und Gestaltung von Polizeitrainings. So stellte die Leiterin des Projekts „Bildung neu Denken“, Ronja Deegener, die studienbegleitende Lernumgebung vor. Arne Buchholz, gab als Verantwortlicher einen Einblick in die Einbindung von virtuellen Simulationstrainings (ViSiT) in die Aus- und Fortbildung. Auch hier konnten die Teilnehmenden die VR-Technik aktiv testen, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Die Implementierung von moderner Videotechnik und damit verbunden die Verbesserung der Lernziele stellte Prof. Dr. Johann Pixner im Rahmen seines ProfisPOL-Forschungsprojekts zur Kommunikation mit psychisch auffälligen Personen vor. Hierbei wird das polizeiliche Einschreiten mittels hochklassig produzierter Videos aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und analysiert.

Polizeiliche Einstellung und öffentliche Wahrnehmung durch Handys

Den Einfluss der Einstellung der Polizeikräfte und dem Mindset beim polizeilichen Einschreiten beleuchteten Lars Lehmann von der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen und Personal Coach Tobias Brodala. Hierbei stellten sie verschiedene polizeiliche Situationen dar, von dem Ansprechen einer Person bis zur körperlichen Auseinandersetzung am Boden. Über die Veränderung der öffentlichen Wahrnehmung durch die Allgegenwärtigkeit des Handys referierte Markus von Hauff und zeigte Trainingsmethoden, die der „medialen“ Eigensicherung dienen.

In diesem Zusammenhang stellte Dr. Carsten Roellecke das reflexive Einsatztraining der Polizei Bremen und des Arbeiter-Samariter-Bund Bremens dar. Durch ein intensives Training werden die Einsatzkräfte auf psychologisch/ethisch/moralische (Grenz-)Situationen in ihrem Berufsalltag vorbereitet.

Ein besonderes Highlight war Kevin Grafen. Der Referent verband neurozentrierte Trainingsmethoden mit dem Polizei- und Einsatztraining. Die Neuroathletik betrachtet alle neurologischen und neurozentrierten Prozesse, also auch Bewegung und Schmerzwahrnehmung, die durch das Gehirn koordiniert und gesteuert werden. Dies umfasst auch das Handeln im Kontext des Polizei- und Einsatztrainings.

Das einstimmige Urteil der drei Tage: Eine sehr gewinnbringende und gut organisierte Veranstaltung, die einer Wiederholung bedarf!

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Über 100 Personen nahmen an der Veranstaltung teil, hier nur ein kleiner Teil der Expertinnen und Experten.  
Über 100 Personen nahmen an der Veranstaltung teil, hier nur ein kleiner Teil der Expertinnen und Experten.
Markus von Hauff bei der Darstellung von Techniken der „medialen“ Eigensicherung.  
Markus von Hauff bei der Darstellung von Techniken der „medialen“ Eigensicherung.

Artikel-Informationen

erstellt am:
29.04.2024

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