Gelassen und souverän auf dem Weg in den Polizeidienst? Befragung zur Entwicklung von Stressbewältigungs- und Einsatzkompetenzen im Studienverlauf und danach

Prof. a.d. PA Dr. Gerlind Pracht, Projektlaufzeit 2021-2026


Hintergrund und Forschungsbedarfe:

Der Polizeiberuf ist durch vielfältige psychische und physische Belastungen geprägt (vgl. im Überblick Georg et al., 2019; Tausch, 2017). In der Forschung ist die Rede von sog. high stress und high strain profession (Gershon et al., 2009). Er beinhaltet eine hohe Bandbreite von Alltagsbelastungen (Unfallaufnahme, Überbringen von Todesnachrichten, Emotionsarbeit, gewaltsame Konfrontationen), kritisch-traumatischen Ereignissen (Suicide by cop) bis hin zu Hochstress (combat) im Fall extremer polizeilicher Lagen wie Amokläufen und Geiselnahmen. U.a. im Vergleich zur Normalbevölkerung zeigen sich erhöhte Risiken für stressassoziierte Fehlbeanspruchungsfolgen sowie Komorbiditäten im Kontext von Belastungsstörungen (PTBS, Depression, Burnout, Suchterkrankungen) (Beerlage et al., 2008; Georg et al., 2019; Jetelina et al., 2020; Knieps & Pfaff, 2019; Maercker, 2013, 2016; Santa Maria et al., 2018).

Fraglich ist jedoch, ob sich dieses Bild bereits zu Beginn der Polizeikarriere bei Berufsanfänger*innen oder gar bei Anwärter*innen des Polizeidienstes im Verlauf des Studiums beginnt abzuzeichnen. „Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung dürfte zwar die psychische Belastbarkeit dieser Gruppen [u.a. Polizeikräfte, Anm. d. Verf.] durch Selektionsprozesse und Training höher ausfallen. Allerdings gibt es auch während der Ausübung der beruflichen Tätigkeit Ereignisse, die als besonders belastend bewertet werden.“ (s2k Leitllinie, AWMF, 2019, S. 23). Psychisch belastende und ggf. traumatische Ereignisse können die Studierenden bereits während der Praktika erleben, was psychische Fehlbeanspruchungen mit sich bringen kann. Der Erwerb von Einsatzkompetenz (Schmalzl, 2017) und Copingstrategien spielt eine zentrale Rolle in Studium und Berufsalltag, um a) beruflichen Anforderungen gerecht zu werden und b) stressbedingten Erkrankungen vorzubeugen. Fraglich ist daher, inwieweit dies ausreichend gelingt und wie sich entlastende Handlungs- und Denkmuster im Studienverlauf entwickeln. Längsschnittliche Studien, die diese verschiedenen Perspektiven mit Blick auf Studierende im Polizeidienst berücksichtigen, könnten aufschlussreich sein, finden sich im deutschsprachigen Raum jedoch nicht. Diese Forschungslücke soll mit der vorliegenden Studie verkleinert werden.

Ressourcen (z.B. Resilienz) spielen bei der Bewältigung von Belastungen eine große Rolle (Hobfoll, 2001; Bengel & Lyssenko, 2016). Studien zur Ausprägung stressassoziierter Persönlichkeitsmerkmale und Schutzfaktoren im Umgang mit Extrembelastungen zeigen, dass Polizist*innen höhere psychische Widerstandskraft (Resilienz) und höhere Selbstwirksamkeitserwartungen als die Normbevölkerung aufweisen (Schneider & Latscha, 2010). Es finden sich zudem Hinweise auf Unterschiede in den präferierten Copingstrategien im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung (Neugebauer & Latscha, 2009). Auch Moderatorvariablen wie Alter, Geschlecht und arbeitspsychologische Merkmale sind im Kontext von Stresserleben und -bewältigung beschrieben worden (Steinbauer, 2001; Hallenberger & Mueller, 2000; Sennekamp & Martin, 2003; Weiler et al., 2016; Latscha, 2016). Ob diese Ausprägungen der Resilienz, Selbstwirksamkeitserwartungen und Copingstrategien jedoch bereits auch für Anwärter*innen zutreffen, ist nicht belegt und sollte daher ebenfalls empirisch untersucht werden.

Zusammenhänge von Persönlichkeitsmerkmalen (wie den Big Five), mentaler Gesundheit und Stress sind vielfach empirisch belegt (Ashton et al., 2019; Gong et al., 2020; Oswald et al., 2006; Hakulinen et al., 2015). Die höhere Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen, die den Umgang mit besonderen beruflichen Belastungen in bestimmten Berufen erleichtern, ist anzunehmen, für den Polizeiberuf jedoch nur wenig systematisch untersucht (Challacombe et al., 2019; Tedeholm et al., 2021). Zudem konnte der Einfluss nicht-klinischer Interventionen und Trainings auf die Veränderung von Persönlichkeitsmerkmalen konnte metaanalytisch gezeigt werden (Roberts et al. 2017). Trainings können demnach den Erwerb von Persönlichkeitsmerkmalen, die die Stressbewältigung begünstigen, positiv beeinflussen (Pracht et al., 2017; Renner & Pracht, 2018). Der Polizeiberuf und das Studium für den Polizeivollzugsdienst sind vielfach durch Einsatzkompetenz- und Situationstrainings sowie durch Fortbildungen geprägt. Studierende Anwärter*innen des Polizeidienst haben vermutlich einen hohen Lern- und Entwicklungsbedarf. Fraglich ist daher, inwieweit sich die Persönlichkeit im Polizeiberuf im Vergleich zu anderen Berufsgruppen unterscheidet und ob sich die Persönlichkeitsmerkmale der Studierenden im Verlauf des Studiums bis hin zur Phase des Berufseinstiegs verändert. Längsschnitt-Studien könnten hier aufschlussreich bzgl. der Veränderung von Persönlichkeit und Coping sein, finden sich jedoch kaum.

Ziel des Projekts:

Vor dem o.g. Hintergrund ist es ein zentrales Anliegen dieser Studie, bestehende Forschungslücken zu Stresserleben und psychischer Beanspruchung, Coping und resilienter Persönlichkeitsentwicklung von Anwärter*innen und Berufsanfänger*innen im Polizeidienst zu verringern. So sollen ihre Belastungs-Beanspruchungssituation und Ressourcen abgebildet sowie mögliche Risiken für die Beeinträchtigung ihrer psycho-physische Gesundheit im Zuge belastender (Praxis)Erfahrungen identifiziert werden. Daraus resultierend sollen Handlungsempfehlungen für die Gestaltung von Studium und Praxis abgeleitet werden, die mit der Stärkung von Einsatzkompetenz und psychischer Gesundheit einher gehen.

Fragestellungen:

Es stellt sich die Frage, wie sich die persönlichen Schutzfaktoren, Bewältigungsstrategien und die Persönlichkeit im Verlauf des Studiums und der Berufseingangsphase entwickeln, wie sich das Stress- und Belastungserleben sowie mögliche psychische Fehlbeanspruchungen im Längsschnitt abzeichnen, welche Moderator- und Mediatoreffekte es diesbezüglich gibt und welche Einflüsse und Effekte im Ausbildungsverlauf vorkommen. Auch der positive, gesundheitsfördernde Einfluss nicht klinischer Interventionen wie Trainings auf breite und engere Persönlichkeitsmerkmale, die hilfreich sind, um Berufsstress zu bewältigen, kann im Verlauf evaluiert werden.

Methode:

Die vorliegende Arbeit wird im Zuge einer Längsschnittstudie zur Untersuchung von Stresserleben, Burnout, Belastungsstörungen, Coping, Resilienz, Persönlichkeit, psycho-physischer Gesundheit und Einsatzkompetenz von Studierenden im Polizeidienst mittels psychometrischer Skalen und Fragebögen Daten zu verschiedenen Messzeitpunkten über einen Zeitraum von vier Jahren halbjährlich in einem Längsschnitt-Kohorten-Design erheben.

Im Verlauf der Studie sind nach anfänglichem Querschnitt über alle Studiengänge und einer Bestandsaufnahme dann weitere Veränderungen interpretierbar. Dabei ist es von Interesse zu untersuchen, wie stark bereits Studierende von chronischem Stresserleben betroffen sind, über welche Copingstrategien und Ressourcen sie verfügen und wie ihre psycho-physische Gesundheit beschaffen ist. Fraglich ist zudem, welche Moderatoreinflüsse sich finden bzgl. Geschlecht, Alter, Studienabschnitt, Praktikumserfahrungen, traumatische Ereignisse etc.

Der Längsschnitt wird Aufschluss über mögliche Entwicklungen, Einflussfaktoren und Veränderungen der o.g. Konstrukte im Zuge des Studienverlaufs und in der Phase des Berufseinstiegs geben. Er bietet zudem den Ausgangspunkt für die summative Evaluation der Wirkung von Trainings und nicht-klinischen Interventionen im Studium.

Im Sinne eines Meta-Studienansatzes wird zudem eine vergleichende Erhebung mit Anwärter:innen aus anderen Bundesländern angestrebt.

Laufzeit:

01.06.2021 – 31.12.2026

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln