Polizeipraxis zwischen staatlichem Auftrag und öffentlicher Kritik: Herausforderungen, Bewältigungsstrategien, Risikokonstellationen

Dr. Astrid Jacobsen (Federführung) und Dr. Jens Bergmann, Projektlaufzeit: 2020-2023


Hintergrund

Die öffentliche Diskussion über polizeiliche Problemfelder (u.a. rassistische Einstellungen, diskriminierende Kontrollen oder Polizeigewalt) wird undifferenziert geführt und kann daher kaum zu nachhaltigen Lösungen für mögliche Probleme führen. Undifferenziert ist diese Debatte deswegen, weil die Kritik a) losgelöst von unterschiedlichen polizeilichen Aufgaben oder Tätigkeitsfeldern und ihren spezifischen Erfordernissen und Rahmenbedingungen geäußert wird und weil sie b) zu sehr auf Einstellungen von Polizistinnen und Polizisten fokussiert.

Nach Auma (2017: 1[1]) ist Rassismus sowohl ein Diskriminierungsmuster als auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. (Rassistische) Diskriminierung ist auf verschiedenen Ebenen zu verorten. Es handelt sich um die Abwertung von Menschen mit anderer Hautfarbe, anderen Namen und anderer Sprache als der der als einheimisch geltenden Bevölkerung. Diese Abwertung kann sich auf der Einstellungsebene (Ideologien, Denkweisen), auf der Verhaltens- und Handlungsebene sowie auf der strukturellen Ebene (z.B. Verfahren, Regeln) manifestieren.

Um eine reflektierte Debatte über Diskriminierung in der Polizei anzustoßen, ist sowohl eine Differenzierung der verschiedenen Ebenen als auch eine Unterscheidung verschiedener polizeilicher Tätigkeiten notwendig.


Das Projekt

In Abgrenzung zur Einstellungsforschung untersuchen wir den Vollzug der Polizeipraxis: die Herausforderungen alltäglicher Polizeiarbeit (z.B. die Vieldeutigkeit von Situationen und Spuren), deren praktischen Bewältigungsformen (z.B. Routinen und Selektionsprozesse) und schließlich die daraus entstehenden Risikokonstellationen für - rechtlich und moralisch - problematische und gesellschaftlich unerwünschte Wirkungen polizeilichen Handelns (z.B. Diskriminierungen und Korpsgeist).

Ziel des Projektes ist es, anhand ethnografischer Untersuchungen der Bereiche Einsatz, Ermittlung und Bereitschaftspolizei Aufschluss über Polizeipraxis im Kontext ihrer spezifischen Aufgaben und konkreter Wirkungen zu gewinnen. Dabei gelangen situativ beobachtbare Handlungsmuster in den Blick, die gleichermaßen (aus Sicht des Handelnden) professionelle Lösungen für polizeiliche Problemstellungen und Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse darstellen.


Fragestellung und Methode

Die Forschungsfrage, der wir nachgehen, lautet zunächst: Wie wird Polizeiarbeit durch Experten und Expertinnen in konkreten Situationen mit spezifischen Aufträgen praktisch gestaltet? Dabei verstehen wir die Interaktion zwischen polizeilichen und zivilen Akteuren nicht als Zusammenkunft von einzelnen Menschen mit unterschiedlichen Interessen, sondern als machtbasierte Interaktion zwischen Situationsteilnehmerinnen und -teilnehmern mit verschiedenen Zielen und Machtressourcen: Während ausgebildete Polizeibeamte und -beamtinnen im (staatlichen) Auftrag und unter rechtlichen Rahmenbedingungen handeln, die ihre Aufgaben und Rechte, aber auch Erforderlichkeiten (z.B. Legitimation polizeilichen Handelns durch bürokratische Prozesse) bestimmen, agieren Bürger und Bürgerinnen i.d.R. ´privat´: Sie sind persönlich eingebunden, möglicherweise emotional stark involviert, gegebenenfalls haben sie als Zeugen und Zeuginnen einen Wissens- und Informationsvorsprung, den sie auf unterschiedliche Weise einbringen können. Erst die Rahmung polizeilichen Handelns in dieser Interaktionskonstellation ermöglicht es anschließend, die Frage nach Risikokonstellationen für diskriminierendes Handeln in konkreten Tätigkeitsbereichen und nach den strukturellen Räumen ihrer Ermöglichung und Beförderung zu beantworten.

Diese Daten gewinnen wir mittels teilnehmender Beobachtungen in den bezeichneten Tätigkeitsbereichen. So erhalten wir empirisches Material über selbstverständliche Handlungsabläufe, unhinterfragte Wissensbestände und unausgesprochene Regeln (tacit knowledge) sowie auch verkörperlichtes Wissen. Diese Komponenten polizeilicher Alltagspraxis, so die Annahme, tragen – neben beabsichtigten Ungleichbehandlungen – wesentlich zu den Risikokonstellationen für polizeiliche Diskriminierung bei.


Mitarbeiter*innen:

Dr. Astrid Jacobsen (Federführung) 

Dr. Jens Bergmann 


Kooperation:

Prof. Dr. Andrea Kretschmann, Leuphana Universität Lüneburg

Dr. Frank-Holger Acker, Polizeidirektion Hannover


Laufzeit: 15.11.2020 – 14.05.2023


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